Früher war es einfach: alte Sachen wegwerfen, neue kaufen. Doch die Schweizer Designszene denkt um – und macht aus Abfall begehrenswerte Interior-Stücke.
Früher war es einfach: alte Sachen wegwerfen, neue kaufen. Doch die Schweizer Designszene denkt um – und macht aus Abfall begehrenswerte Interior-Stücke. Upcycling ist längst kein Nischenphänomen mehr: Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer zwischen 25 und 50 Jahren entdecken den Charme von Möbeln und Accessoires, die eine Geschichte erzählen und gleichzeitig die Umwelt schonen. Von ausrangierten SBB-Bahnschwellen bis zu gebrauchten Veloschläuchen – wir zeigen dir, wer die Pioniere sind, wie du Upcycling-Design in dein Zuhause integrierst und wo du dich inspirieren lassen kannst.
Die Rückbesinnung auf Upcycling in der Schweiz

Die Wegwerfkultur hat ausgedient – zumindest in der Schweizer Designszene. Immer mehr kreative Köpfe setzen auf Langlebigkeit und verwandeln scheinbar nutzlose Materialien in hochwertige Einrichtungsstücke. Ein Paradebeispiel ist das Zürcher Atelier «Büro für Form». Hier entstehen aus alten SBB-Bahnschwellen aus massiver Eiche Designermöbel – Tische, Regale, Bänke –, die durch ihre charakteristische Maserung und Verwitterungsspuren einzigartig sind. Jede Schwelle war jahrelang dem Wetter und den Schienen ausgesetzt, trägt Risse und Verfärbungen – genau das macht sie so wertvoll.
Dieser Trend ist statistisch belegt: Laut Swiss Recycling stieg die Zahl der Upcycling-Werkstätten in der Schweiz im Jahr 2023 um 25 Prozent. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein der Konsumenten: Statt billiger Massenware suchen designinteressierte Menschen nach Möbeln mit Identität und Nachhaltigkeitsfaktor. Upcycling verbindet beides – und wird so zum zentralen Element einer neuen Wohnkultur.
Pioniere des Upcyclings: Von Freitag bis Megawatt
Die Bewegung hat in der Schweiz eine lange Tradition. Bereits 1993 gründeten die Brüder Daniel und Markus Freitag in Zürich ihr Label Freitag. Aus gebrauchten LKW-Planen fertigen sie Taschen, Rucksäcke und Accessoires, die heute weltweit Kultstatus geniessen. Das Prinzip: Jedes Stück ist ein Unikat, weil die Planen unterschiedliche Farben, Muster und Gebrauchsspuren aufweisen.
In Basel geht Megawatt noch einen Schritt weiter. Das Label verwandelt alte Veloschläuche, Industrieabfälle und Textilreste in Möbel – von Hockern über Tische bis zu Teppichen. Der Clou: Die Materialien werden nicht einfach recycelt, sondern durch geschickte Verarbeitung aufgewertet. So entsteht aus einem ausgedienten Veloschlauch ein wasserabweisender und extrem robuster Kissenbezug.
Ein weiteres Zürcher Vorzeige-Label ist Bold. Die Designer nehmen ausgemusterte Feuerwehrschläuche der Stadt Zürich und nähen daraus Rucksäcke und Taschen. Die Schläuche sind extrem strapazierfähig, feuerfest und haben oft noch die originalen Aufdrucke der Feuerwehr – ein echter Hingucker mit Geschichte.
Materialien mit Geschichte: SBB-Holz und alte Textilien


Die Schweizer Upcycling-Szene lebt von Materialien mit erzählerischer Tiefe. Besonders begehrt ist SBB-Holz: Alte Bahnschwellen aus Eiche werden von Werkstätten wie dem «Büro für Form» oder der Genfer Manufaktur «Bois & Co» zu Tischen und Regalen verarbeitet. Jede Maserung, jeder Riss erzählt von Jahrzehnten unter der Eisenbahn – ein Stück Schweizer Verkehrsgeschichte direkt im Wohnzimmer.
Auch im Textilbereich tut sich viel. Secondhand-Läden wie Brockenhaus Zürich oder Texaid liefern gebrauchte Kleider, die von jungen Designern zu Wohnaccessoires umgearbeitet werden: Kissenbezüge aus alten Hemden, Teppiche aus Jeansresten oder Wandbehänge aus bestickten Stoffen. Das reduziert nicht nur Textilmüll, sondern schafft weiche, haptische Kontraste zu den oft harten Upcycling-Möbeln.
Und dann sind da noch die alten Veloschläuche. In der Schweiz werden jährlich Tonnen von Veloschläuchen entsorgt. Dank Initiativen wie «Schlauch & Co.» in Bern finden sie ein zweites Leben: als Teppiche, Kissenbezüge oder Tischläufer. Das Material ist wasserabweisend, leicht zu reinigen und unglaublich haltbar – ideal für den Alltag in einer Designwohnung.
So integrierst du Upcycling-Design in dein Zuhause
Upcycling-Möbel sind von Natur aus auffällig – deshalb braucht es ein gutes Gespür für die richtige Platzierung. Hier sind drei konkrete Tipps, wie du die Stücke wirkungsvoll in Szene setzt:
- Kombiniere ein Upcycling-Möbelstück (z. B. einen Tisch aus SBB-Holz) mit klaren, modernen Linien. Ein schlichter Stuhl aus Metall oder ein minimalistischer Teppich aus Naturfaser lassen das alte Holz noch stärker wirken. Der Kontrast zwischen roh und glatt, zwischen Geschichte und Gegenwart, erzeugt eine spannende Spannung.
- Setze auf wenige, ausdrucksstarke Blickfänge. Ein Regal aus Veloschläuchen wird garantiert zum Gesprächsthema – aber wenn du das halbe Zimmer damit bestückst, verliert es seine Wirkung. Beschränke dich auf ein bis drei Upcycling-Stücke pro Raum, die die Blicke auf sich ziehen.
- Wohne farblich dazu. Erdige Töne wie Ocker, Rostrot, Olivgrün und Senfgelb unterstreichen den nachhaltigen Charakter der Materialien. Sie harmonieren perfekt mit den natürlichen Farben von Eichenholz und gegerbtem Veloschlauch. Vermeide grelle Neonfarben – sie lenken von der Materialästhetik ab.
Umweltbilanz und Kosten: Warum Upcycling sich lohnt

Upcycling ist nicht nur stilvoll, sondern auch ökonomisch und ökologisch sinnvoll. Eine aktuelle Studie der ETH Zürich belegt: Jedes upgecycelte Möbelstück spart im Durchschnitt 80 kg CO2 im Vergleich zu einem Neuankauf. Das liegt daran, dass keine neuen Rohstoffe abgebaut, keine energieintensiven Produktionsprozesse durchlaufen und keine langen Transportwege zurückgelegt werden müssen – die Materialien sind bereits in der Schweiz vorhanden.
Auch beim Preis punkten die Stücke. Vergleiche zeigen: Designermöbel aus Upcycling-Materialien liegen oft 30 bis 50 Prozent unter dem Preis vergleichbarer Neuware. Ein Esstisch aus SBB-Holz kostet beim «Büro für Form» rund 1'200 Franken – ein vergleichbarer Tisch aus neuer Eiche von einem bekannten Label würde schnell 2'000 Franken oder mehr kosten. Dazu kommt: Jeder Kauf unterstützt lokale Werkstätten und reduziert Abfall.
Der Markt wächst rasant. Laut Swiss Recycling stieg der Schweizer Upcycling-Markt 2023 um 15 Prozent – getrieben von einem bewussteren Konsumverhalten, das besonders bei der Zielgruppe 25 bis 50 Jahre stark ausgeprägt ist. Wer heute ein Upcycling-Stück kauft, investiert nicht nur in ein Unikat, sondern auch in eine nachhaltigere Zukunft.
Jetzt selber aktiv werden: Workshops und Ausstellungen
Du möchtest Upcycling nicht nur kaufen, sondern auch selbst ausprobieren? In der Schweiz gibt es zahlreiche Möglichkeiten, den Trend hautnah zu erleben und eigene Stücke zu gestalten:
- Besuche den «Upcycling Design Markt» im Zürcher Viadukt. Jeden ersten Samstag im Monat verwandelt sich die Halle in einen Marktplatz für nachhaltiges Design. Hier findest du Möbel, Accessoires und vor allem Inspiration – direkt von den Designern, die ihre Arbeit erklären.
- Melde dich für einen Workshop im «Büro für Form» an. In den Räumen an der Zürcher Zollstrasse 22 lernst du unter Anleitung, wie du aus einer alten SBB-Bahnschwelle ein individuelles Regal baust. Werkzeug und Material sind inklusive, du gehst mit deinem eigenen Unikat nach Hause. Die Workshops sind schnell ausgebucht – also frühzeitig buchen!
- Schau dir die Ausstellung «Rohstoff Zukunft» im Museum für Gestaltung Basel an. Noch bis September 2025 zeigt die Schau, wie Design und Kreislaufwirtschaft zusammenspielen. Von Möbeln aus Plastikabfällen bis zu Textilien aus Altkleidern – die Ausstellung ist ein Muss für alle, die über den Tellerrand der Wegwerfkultur blicken wollen.
Mach auch du mit beim Schweizer Upcycling-Trend. Ob du ein fertiges Stück kaufst, einen Workshop besuchst oder einfach nur deine nächste Einrichtung bewusster wählst – jedes kleine Statement zählt. Denn am Ende ist es nicht nur eine Frage des Stils, sondern auch der Verantwortung gegenüber unserer Umwelt. Also, worauf wartest du? Lass dich inspirieren und mach aus Alt ganz einfach Neu.



